Reisebericht zum Tierheim A.D.P.C.A., Zaragoza, Mai 2025
Motivation für unserer Reise
Nachdem uns unser 15-jähriger spanischer Podenco „Benny“ nach elf schönen gemeinsamen Jahren verlassen hat, beschlossen wir, den Tierheimalltag in seinem Herkunftsland, Spanien kennenzulernen und diesen bestmöglich zu unterstützen.
Gesagt, getan, haben wir das Tierheim ADPCA rund 30km nördlich von Zaragoza kontaktiert und den Vorstand gefragt, ob wir im Mai mithelfen können. Es war nicht unser Anliegen, den Spanierinnen (ja, es sind leider nur Frauen, die sich engagieren) durch unsere Anwesenheit mehr Arbeit zu machen, sondern aktiv Hundeprofile zu gestalten. Konkret bedeutete dies vor allem neue, aktuellere Fotos, Videos und Abstracts zu erstellen.
Unser Ziel war es daher gemeinsam mit den Spanierinnen und der für dieses TH zuständigen Vertreterin des TSV, die Profile aller vermittelbaren Hunde (insg. sind es +/- 60 Tiere) zu erstellen bzw. zu aktualisieren, um sie auf der Homepage des TSV sichtbar zu machen. DENN, oft entscheidet ein einziges Foto über das Schicksal eines Hundes!
Spain is different …
Immer wieder begegnet man den Unterschieden zwischen Deutschland und Spanien. In Spanien ist es nahezu unmöglich, einen großen, schwarzen und womöglich noch älteren Hund in ein neues Zuhause zu vermitteln – man bevorzugt oft die jungen, kleinen „Schlüsselanhänger-Hunde“ wie ich die kleinsten Vertreter scherzhaft zu nennen pflege. In D ist es besser und hier haben auch die großen Tiere „aus 2. Hand“ noch eine Chance – da wir hier oftmals das Privileg eines Gartens haben oder unser Umfeld eine schnelle Gassirunde in der Nähe des Wohnortes zulässt. Das ist in Spanien aufgrund der Stadt-Land-Infrastruktur seltener der Fall. Oder wer hat sie dort in den größeren Städten bereits beobachtet? Leute sowohl mit Hund an der Leine als auch mit einer Sprühflasche in der anderen Hand und sich gefragt, was soll das? Nun, das Pippi ihres Vierbeiners in der Betonwüste der Stadt übersprühen.
Auch die Einstellung zum Tierschutz in der Bevölkerung ist eine andere, sie ist aber dabei, sich langsam zu verändern. Umso mehr freute es mich zu sehen, dass die Spanierinnen eigene Flyer und Broschüren zum Thema
Tiere sind keine Geschenke (Weihnachten etc.)
Urlaub ja, aber gemeinsam mit dem Hund
Auch ältere Hunde sind treue Wegbegleiter
erstellt haben, um so einer weiteren Überfüllung der Tierheime vorzubeugen. Irgendwie muss man diese nie zu enden scheinende Anzahl von „ohne-zu-Hause-Hunden“ angehen und versuchen, zumindest mittel- bis langfristig Perspektiven aus dieser Situation heraus zu schaffen. Wenn es die Zeit der Damen erlaubt, versuchen sie auch neue Mitglieder mittels Ständen in der Fußgängerzone etc. anzuwerben und auf ihren Tierschutzverein aufmerksam zu machen.
Enttäuschend hingegen, das fehlende kontinuierliche Interesse junger Leute ehrenamtlich im Tierheim mitzuarbeiten. Dabei sind diese die Zukunft und sichern das Fortführen der Arbeit, was die bisher Verantwortlichen in über 40 (!) Jahren Tierheim ADPCA mühsam aufgebaut haben. Wenn freiwillige Helfer vor Ort waren, dann waren das fast immer rüstige Rentner, die mit dem Bus in das abgelegene Tierheim fahren und dann noch einen ca. 20-minütigen Fußmarsch (teilweise bei sengender Hitze) in Kauf nehmen – solange es ihre Gesundheit zulässt…
Hundenamen: Meinst Du mich?
Als wir 2013 unseren Hund Benny vom TSV übernahmen, hieß er „Bolo“ – und ich dachte nur: Hm, irgendwie erinnert mich das an diesen Schweizer DJ Bobo – no way! Und da Benny seinen Namen offensichtlich nicht kannte, wurde er kurzerhand umgetauft.
Gerade vor kurzem kam bei ADPCA ein kleines, älteres Hundemännle an, der „Pistolé“ (demnächst auf unserer Seite) genannt wird; als ich davon hörte, dachte ich: ach, du liebes bisschen, das nimmt ihm fast alle Chancen im deutschsprachigen Raum vermittelt zu werden. Aber man muss wissen, dass sein Name in der spanischen Sprache ganz anders betont wird und keinerlei Bedeutung hat. Insofern andere Länder, andere Sitten und Sprache…
Nachdem ich den ruhigen Wuffel in diesen Wochen vor Ort kennenlernen durfte, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass er für mich sofort „Henry“ oder „Alfons“ heißen würde. Denn ob seines Alters und gesundheitlicher Themen kommt er nicht wie eine Pistole um die Ecke geschossen, sondern muss nach längerer Liegedauer erst in die Gänge kommen, bevor er zum liebsten „ich-möchte-dabei-sein-und-geschmust-werden“ Hund mutiert.
Tierheimalltag vor Ort
Entgegen unserer ursprünglichen Absicht u.a. auch Zwinger zu reinigen, haben wir uns schnell auf die Hundeprofile fokussiert. Warum? Weil der Ablauf der täglichen Reinigung der Zwinger (aufgeteilt in 3 Blöcke) und des parallelen Herauslassens der Tiere so straff organisiert ist, dass wir nur alles durcheinandergebracht hätten; zumal die Hunde sich ja auch erst an uns gewöhnen mussten.
Die Hunde werden nach bestimmten Ordnungen und zeitlichen Sequenzen in erprobten Konstellationen herausgelassen, um zu vermeiden, dass es Stress unter den Tieren gibt. Ein sehr ausgeklügeltes System, das die einzige Angestellte des Tierheims nur durch höchste Disziplin und persönlichem Engagement überhaupt schaffen kann. Als Laie kann man sich gar nicht vorstellen, was das für eine körperliche Anstrengung und Verantwortung bedeutet, permanent Distanzen zwischen den einzelnen Zwingerblöcken hin- und herzulaufen, die Hunde im Wechsel rein- u. rauszulassen, währenddessen die Zwinger von Exkrementen zu befreien, Handtücher und Decken auszutauschen, danach noch alles mit Wasser auszuspritzen, mit der Schubkarre das Futter und die vorbereiteten Medikamente zu verteilen, zwischendurch die Waschmaschine zu befüllen, Wäsche auf- u. abzuhängen oder in Notfällen auch noch in die Tierklinik fahren zu müssen.
Dass da natürlich kaum Zeit bleibt, um den einzelnen Hunden Zuwendung zu schenken, ist offensichtlich. Und es tut einem in der Seele weh, eine Zwingertüre zu schließen, und der Hund einem signalisiert, dass er gerne mitkommen oder nicht alleine zurückbleiben möchte. Vor Ort ist zwar alles blitzeblank und hygienisch einwandfrei, aber es bleibt eben ein Zwinger, und das 24 Stunden lang, jeden Tag.
Besonders ergriffen hat uns das Schicksal von diesen beiden Hunden: Sindy und Rocky. Diese Hunde können nicht mehr vermittelt werden, da sie zu alt bzw. zu krank sind und dauerhaft teure Medikamente bzw. Spritzen benötigen. Vielleicht möchte der ein oder andere Leser an dieser Stelle eine kleine Patenschaft für das Tierheim* oder Spende für die Versorgung dieser Hunde übernehmen? Dies würde deren schmerzfreie Zukunft im Tierheim ADPCA sichern, da sie dieses wohl nicht mehr verlassen werden. Sie stehen stellvertretend noch für mindestens drei weitere ähnliche Hundefälle vor Ort. Aber auch sie werden nicht fallengelassen (seht im Video wie der blinde und taube Rocky sein neues orthopädisches Bettchen freudig in Beschlag nehmt).
Gleichzeitig muss man aber auch sehen, dass es diesen Hunden im Vergleich zu städtischen Perreras gut geht, wo sie i.d.R. in größerer Anzahl in Zwingern gehalten werden (und oft das raue Gesetz des Stärkeren gilt) und sich mehr oder weniger selbst überlassen sind. Hier bei ADPCA wird man ihnen bestmöglich gerecht und sie sind vor allem eins: sicher und jeder einzelne gut versorgt. Aber die Arbeit lastet auf wenigen Schultern und alles ist hart auf Kante genäht – größere Ausfälle des Teams darf es nicht geben, denn solange die Abzahlung für das Tierheim noch läuft, ist einfach kein Spielraum für eine zweite Angestellte.
Unsere drei Herzenshunde: Toni, Tin und Roble
Es ist uns eine Herzensangelegenheit auf diese drei wunderbaren Hunde aufmerksam zu machen, die wir am liebsten gleich alle drei mitgenommen hätten, so sehr haben sie uns fasziniert und berührt. Wir sind uns aber sicher, dass euch die Jungs auch nicht mehr aus dem Kopf gehen und hoffentlich jeder der drei bald ein eigenes Zuhause hat!
Toni – großer, bildschöner Rüde im besten Alter. Welch Freude, wenn man sich ihm widmet und ihm Zeit schenkt oder mit ihm spielt! Er ist den Menschen zugewandt und freut sich über jegliche Auslastung und möchte dabei sein! Er hat bei uns für den ein oder anderen Lacher gesorgt, da er beim Spielen sofort dabei war und im Eifer des Gefechts seine Bremse manchmal etwas zu zögerlich eingesetzt hat und kurzzeitig: „jetzt mag ich nicht mehr“ vorgegeben hat; könnte er pfeifen, hätte er das getan, als ob nichts gewesen wäre.
Tin – wurde während unseres mehrwöchigen Aufenthalts abgeben. Dieser agile Hundemann wurde über Wochen alleine im Freien gehalten – ohne Schutz vor Wind und Wetter. Ein intensiver Bade- und Friseurtermin war nötig und innerhalb von 2 Wochen durften wir miterleben, wie er in jeder Hinsicht aufgeblüht ist, sehr gerne mit uns gespielt und seine Lebensfreude und Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht hat. Selbst die kupierte Rute tut seinem kecken, innerem Strahlen keinen Abbruch!
Roble – was für ein agiler, aktuell noch etwas moppeliger Kuschelbär. Auch wenn er schon ein paar Tage auf dem Buckel hat, so ist er sehr interessiert, streunert über die Wiese und erkundet in seinem entspannten Tempo die Welt. Selbst bei uns Fremden war Roble sofort dabei und hat sehr gerne mit uns und seinem Spielzeug gespielt und danach die Streicheleinheiten genossen. Auf den ersten Blick sticht Roble zwar nicht sofort ins Auge, aber er ist ein Herzenshund, den man nicht mehr missen möchte.
Zum guten Schluss …
Der Urlaub war sehr intensiv und interessant sowie mit vielen „Aha-Effekten“ verbunden, was da alles an für uns Außenstehende an unsichtbarer Arbeit, Engagement und Aufwand dahintersteckt. So ein Tierheim will gepflegt und in Ordnung gehalten werden.
Es war schön in so viele unvoreingenommene Hundeaugen zu blicken (siehe eine kleine Auswahl der Tiere in der Bildergalerie), die einem so vieles zu sagen schienen und uns über große Strecken das politische Zeitgeschehen, den aufsteigenden weißen Rauch in Rom oder die vielen militärischen Konflikte gänzlich vergessen ließen.
Ich hoffe, wir konnten auch dem kleinen Team vor Ort vermitteln, wie sehr wir ihre Arbeit, den persönlichen Einsatz und das jahrelange stete Engagement gegen alle Widrigkeiten, Bürokratie und finanziellen Herausforderungen schätzen und wie stolz sie sein können. Denn wir aus der Ferne können leicht reden, denn wir reisen ja wieder ab, aber sie müssen den arbeitsreichen Alltag und viele vor allem finanzielle Herausforderungen bewältigen, um die Hunde bestmöglich auf ein neues Zuhause vorzubereiten. Gracias, ADPCA-Team por vuestro tiempo, dedicación, constancia y pasión!
Mit unserer im Vorfeld bei Freunden und Kollegen gestarteten kleinen Spendenaktion haben wir ausschließlich Dinge für das Tierheim finanziert z.B. einige orthopädische Hundebettchen für die älteren kranken Tiere, teures Spezialfutter oder „Luxusartikel“ wie Zeit vertreibendes Hundespielzeug für den langen Tag im Zwinger. Allen lieben Spendern hierfür noch einmal ein herzliches Dankeschön!
Alles in allem können wir sagen, dass es sich gelohnt hat, den Urlaub für diesen Tierheimeinsatz zu verwenden. Ja, es war viel Zeit und vor allem persönliches Engagement nötig, um alles auf die Beine zu stellen und gut vorbereitet zu sein. Aber jeder, der diese Zeilen liest und vielleicht in glückliche, zufriedene Hundeaugen neben sich schaut, weiß, dass das sehr oft menschengemachte Leid nur durch den Einsatz und die finanzielle Unterstützung von vielen Menschen gelindert werden kann. Danke.
Karin Harder & Martin Kufner
* bitte den Namen des Hundes und Stichwort „ADPCA“ angeben. Danke!
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